Komisch und spöttisch - Chorwochenende in Rohr

Gruppenbild in Rohr
Bildrechte: Christian Treutler

„Komisch und spöttisch“

Auf einem Chorwochenende in Rohr lernten wir die ungewöhnlichen Seiten von Bachs Johannes-Passion kennen

 

Da sitzen sie nun unter dem Kreuz, die Kriegsknechte des Pontius Pilatus und schwanken zwischen Ratlosigkeit und Streit. Fast alle Kleider Jesu haben sie schon ganz gerecht untereinander aufgeteilt. Doch da ist noch das Untergewand, der Rock. Der hat keine Naht, ist aus einem Stück. Was tun? Einfach zerreißen geht nicht. Was kann man schon mit einem solchen Fetzen Stoff anfangen? Also beschließen sie eine andere Lösung: „Lasset uns den nicht zerteilen, sondern darum losen (würfeln), wes er sein soll.“ So steht es in der Übersetzung Martin Luthers und Johann Sebastian Bach hat diese groteske Szenerie in kongeniale Töne umgesetzt.

 

„Man hört förmlich die Würfel rollen“, erläutert Kirchenmusikdirektor Roman Emilius. „Bach ist mit Sicherheit öfters im Wirtshaus gesessen und hat dort den Stammtischbrüdern beim Würfelspiel zugeschaut – ja noch mehr – zugehört“, ist Emilius überzeugt. Wohl auch deshalb klingt der Würfelchor in der Johannes-Passion komisch, gar nicht ernst und würdevoll. Bach habe sicher gewusst, dass eine gute Tragödie auch grotesk überzeichnete Elemente braucht, ergänzt Emilius und fordert uns Choristen auf, das beim Singen auch umzusetzen. „Das muss komisch klingen - leicht, nicht schwer.“

 

Beim Chorwochenende im altehrwürdigen Benediktinerkloster Rohr gehen wir diesen Besonderheiten von Bachs Johannespassion auf den Grund. Zwar haben viele Kantoreimitglieder dieses Meisterwerk der Kirchenmusik schon mehrmals gesungen. Aber trotzdem ist Bachs Komposition immer aufs Neue eine Herausforderung. Weil sie eben so viele Facetten hat: Ernst und würdevoll wie der Eingangschor und die meisten Choräle. Aber auch aufpeitschend und fanatisch wie die Turbachöre „Kreuzige, kreuzige“ und „Wir dürfen niemand töten. Oder selbstgerecht und eitel, wie der Chor der Hohenpriester: „Wir haben ein Gesetz.“ Nach was das klinge, fragt Emilius den Chor. „Wie wenn die eine Krawatte anhaben“, sagen einige. „Genau und so müsst ihr es auch singen“, ermuntert uns Emilius.

 

Um das richtige Gespür für all diese Dimensionen in Bachs Johannespassion zu bekommen, auch dafür gibt es dieses Chorwochenende in der klösterlichen Abgeschiedenheit. Das Organisationsteam um Christine Hammwöhner und Maria Frank hat diese drei Tage perfekt vorbereitet. Und Kantoreimitglied und Kunsthistorikerin Dr. Rosa Micus steuerte noch einen besonderen Höhepunkt bei: Eine Führung durch die prächtige Klosterkirche von Rohr mit ihrem kongenialem Altarbild. Die Gebrüder Asam haben dieses Meisterwerk um 1720 geschaffen. Kein Gemälde sondern zahlreiche Figuren, Statuen in bewegenden Posen und Minen. Dazu eine Muttergottes, die - wie von Zauberhand gehalten - frei im Raum schwebt. „Ein perfektes Beispiel für ein ‚Theatrum Sacrum‘ – ein heiliges Schauspiel. Fast zur selben Zeit hat Bach seine Johannespassion komponiert und ebenfalls ein grandioses „Theatrum Sacrum“ in Tönen geschaffen. Ein Zufall! Was sonst…?

 

P.S. Unbedingt vormerken: Johannespassion von J.S. Bach. Am Karfreitag (19. April) um 17.00 Uhr im Regensburger Audimax!

Sigi Höhne